20.07.2002 |
|||
|
"Ameland
ist ein Lebensgefühl"
|
|||
|
Heiden (hhk). Ganz genau
wissen es die "Bramgauer" auch nicht. Auf jeden Fall, in den
50-er Jahren fuhren die ersten Heidener nach Ameland. Bert Sniers,
damals Rektor der Volksschule und Chef der Turngemeinde hat ihnen die
Insel gezeigt und gilt als Gründervater der Pilgerbewegung, die Jahr für
Jahr Jungen und Mädchen auf die Insel führte und führt. 2003 wollen
die "Bramgauer" den Geburtstag der Gründungsidee feiern. Heidrun Burkamp schätzt, dass seither rund 7000 Jungen und Mädchen aus Heiden und Umgebung für einige Wochen in den Ferien auf die holländische Insel gefahren sind. Die 58-jährige Sekretärin an der Ludgerus-Schule ist einer der Aktivposten im Verein, der sich 1997 von der Turngemeinde getrennt hat und seither unter eigener Regie als Bramgau e.V. unterwegs ist - als anerkannter Träger der freien Jugendhilfe. In diesem Jahr sollen Satzung und Status optimiert werden. |
|||
|
Burkamp war 1968 erstmals mit von der Partie. Seither hat sie die Insel nicht mehr losgelassen. "Ameland im Sommer ist ein Lebensgefühl, etwas besonderes", sagt sie. Die Naturbelassenheit reizt sie, die Weite und eine gewisse Freiheit. Außerdem sei Ameland eine der wenigen Nordsee-Inseln, auf denen es Wald gebe. Auch wenn etwas mehr Stacheldraht um die Bäume gezogen worden sei. Das tut dem Wohlgefühl keinen Abbruch. Anders denkt und fühlt in Sachen Ameland Gerd Kuhn auch nicht. Der diplomierte Betriebswirt war drei Jahre alt, als er 1964 auf die Insel gebracht wurde. "Ich hatte Bronchitis, und der Arzt riet zu sechs Wochen Nordsee." Weil die Arbeiterfamilie aber finanziell nicht aus dem Vollen schöpfen konnte, habe seine Mutter als Köchin im Bramgau-Lager angeheuert. Sie konnte ihren Sohn mitnehmen. Seither ist Kuhn dabei. Wenn er gefragt wird, warum immer Ameland, dann sagt er: "Ich kenne nichts anderes." |
|
||
|
Alle Betreuer im Team wirken ehrenamtlich mit. Es gibt einen inneren Kern, der die Arbeit leistet. "Die soziale Kompetenz ist entscheidend", unterstreichen die Leiter. Freude und Begabung gehörten dazu. Sie wollen nicht am bewachten Strand baden. Sie wandern, fahren mit dem Rad, machen Spiele drinnen und draußen. Hartnäckig hält sich die Legende, dass Sniers die erste Unterkunft in Nes mit dem Fuß in den Dünensand gezeichnet habe, und danach sei sie gebaut worden. Von Generation zu Generation wird überliefert, dass damals Strandgut mit verbaut wurde. Fakt ist: Arbeitsgruppen aus Heiden schraubten die Standards hoch. Die Heidener haben die Unterkünfte heute in Buren für sechs Wochen angemietet. Das erleichtert vieles. |
|||
|
|
"Echte und unechte
Heimwehfälle" haben die Betreuer erlebt. Wenn es ganz dicke kam,
riefen sie die Eltern an. "In den meisten Fällen kriegen wir das
aber wieder hin." Kuhn zeichnet für das Jugendlager auf Ameland
verantwortlich. "Die Holländer gehen anders mit Verboten und
Geboten um. Sie sind gelassener als die Deutschen", beschreibt er
Mentalitätsunterschiede. Diese spürten die Jugendlichen. Wichtig ist für die Ameland-Kenner, den Kindern Gemeinschaftsleben zu vermitteln. "In Familien mit zwei Kindern kommt dieses Gefühl nicht auf", meint Burkamp. Im Jugendlager schlafen 28 Mädchen in einem Schlafraum. "Die sind begeistert", sagt Kuhn. |
||
|
Nennenswerten Stress mit Alkohol oder Drogen haben die Betreuer bislang nicht gehabt. Nun gut, es habe mal einen Fall von Sachbeschädigung gegeben. Aber kein Teilnehmer hat aus dem Gewahrsam der Insel-Polizei geholt werden müssen. Auf Ameland werden Kontakte geknüpft. Da treffen Heidener auf Gescheraner, Rekener auf Borkener, selbst Beziehungen zu Kindern aus Dorsten und Lembeck entstehen, obwohl es da ja irgendwie eine Grenze gebe. "Diese Kontakte dauern später an", sagt Kuhn. |
|||
|
|
Über 30 Jahre fährt
Heidrun Burkamp mit. "Die Kinder sind anders geworden", sagt
sie. Früher seien sie zum Leuchtturm und zurück gelaufen. Heute liefen
nur noch wenige wieder zurück. Auch der Umgang zwischen Mädchen und
Jungen habe eine andere Qualität. Was früher tabu gewesen sei, sei
heute normal, nicht zuletzt, weil die Jugendlichen heute früher reif
seien. Und: Die Ansprüche sind höher geschraubt worden. Fast jedes Mädchen
möchte am liebsten morgens und abends duschen. Früher gab es nur Tee.
Heute gibt's Apfel- und Orangensaft, Eistee, Milch, Kakao und Kaffee.
Aber: Es werden immer noch Haferflocken zum Frühstück gereicht. |
||
|
"Wir wollen
preiswerte Freizeiten bieten, aber kein billiger Jakob sein. Ein vernünftiges
Programm und gute Verpflegung gehören dazu", erläutert Kuhn, der
für Finanzielles verantwortlich zeichnet. |
|||