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ORTSTERMIN

Der Zauber des Bill Gates

Der Microsoft-Gründer sagt Kindern in München die Zukunft voraus.

Na ja, ich wusste ja, wie er aussieht", sagt eines der Mädchen, es ist 15 und Schülerin und kritisch gegenüber Männern, "aber trotzdem. Es ist schon eine Ehre, dass er kommt."

Es ist eine Ehre, die verdient werden muss.

Taschen sind abzugeben, Kameras auch. Wer Schüler ist, darf nicht fotografieren im Saal, und drei Plätze am Rand müssen frei sein, heißt es anfangs, damit genug Abstand bleibt, wenn Bill Gates die Sitzreihen passiert. Hände schütteln - also gestern war zu hören: Das geht nicht. Auch auf der Bühne nicht, wenn er dann dasteht, um zu gratulieren, wieso nicht? "Sicherheitsgründe", hat man den Kindern gesagt.

Knapp 100 Schüler auf tomatenroten Sitzen im Münchner Arri-Kino, sie starren auf die Bühne, und da sind die beiden nun: Edelgard Bulmahn, die Bildungsministerin, und neben ihr Bill Gates. Der Bill Gates. Mit diesem Rundhaarschnitt. Mit dieser Brille, die an irgendjemand erinnert, an wen? Egal. Auf Einladung von Microsoft Deutschland sind die Schüler hier, als Preisträger eines Microsoft-Internet-Wettbewerbs, und vor sich sehen sie einen Mann im anthrazitfarbenen Anzug, der an den Schultern schlackert; einen Mann mit schlechter Haltung, ein bisschen krumm im Rücken: Das ist er. Der Microsoft-Gründer, den die einen als Monopolisten hassen und die anderen bewundern als reichsten Mann der Welt.

"Der sieht doch nett aus."

"Der sieht aus wie immer."

"Ob der Angst vor uns hat? Dass wir Terroristen sind?"

Dann spricht er, die Stimme hoch, ein wenig gequetscht. Von jener Zeit vor 30 Jahren, als es noch keine "Personal Computer" gab, als "Computerzeit" 40 Dollar pro Stunde kostete, an riesigen Rechnern, die fast nichts konnten; eine graue Zeit, eine grausame Zeit. Davon, wie aufregend es gewesen sei, das zu ändern. Davon, dass jeder Mensch einen Computer zur Verfügung haben müsse, von der Zukunft spricht er, was wird die bringen? Bessere Computer. Bessere Programme. Wer wird sie verkaufen? Microsoft.

Draußen im Foyer stehen so ein paar neue Geräte zum Ausprobieren, solche, bei denen man auf einen Bildschirm kritzeln kann, man brauche, sagt er, "nur einen Stift". Bei diesem Wort erscheint zum ersten Mal ein tiefes, warmes Lächeln auf dem Gesicht des Redners. Nur einen Stift.

"The Road Ahead", der Weg nach vorn, so hat er sein Buch genannt und auch diesen Wettbewerb, und im Buch hat er die Welt beschrieben, wie er sie plant. Wie er sie erschaffen hat für sich selbst, in seinem Haus, das nicht nur aus Holz, Glas und Stein, sondern auch aus Software besteht. In dem der Besucher sich einen elektronischen Clip anheftet, und danach passt sich das Haus seinen Wünschen an. In jedem Zimmer wird er die Musik und die Beleuchtung und, wenn er will, auch die Bilder an den Wänden vorfinden, die er mag.

Den "Wallet-PC" hat er vorhergesagt, der ein "dokumentiertes Leben" ermöglicht. Weil der Aufzeichnungen macht über "jedes Wort, das man an Sie richtet, jedes Wort, das Sie sagen", über alles, was der Mensch erlebt. Was doch praktisch sei, wenn man zu Unrecht eines Verbrechens verdächtigt werde. Man habe dann immer sein Alibi parat.

Die Dinge werden lernen, das zu tun, was man ihnen befiehlt. Folgsam wie die Besucher des Arri-Kinos angesichts der Sicherheitsleute werden sie Vorschriften befolgen, und derjenige, der das alles wahr machen will, steht auf der Bühne dieses Münchner Kinos und spricht von Magie. Trägt eine Brille wie Harry Potter und redet vom Zaubern, aber in der Welt des Bill Gates gibt es nicht guten und bösen Zauber wie bei "Harry Potter", bei ihm ist alles nur gut. Folgen ihm die Leute? Wollen sie das, was er unter Magie versteht?

Bildungsministerin Bulmahn glaubt an diese Art Hexenwerk, Firmen wie Microsoft sollen mehr Geld in die knappen Kassen für Bildung zaubern, denn ohne die Industrie, "ohne diese Zuschüsse von Unternehmen können wir es nicht schaffen", sagt sie.

Der Zauber für die Schüler, das ist der, dass sie ein bisschen berühmt sind an diesem Tag. Zum Thema "Leben und Lernen in Europa" haben sie bunte Bildungsseiten entworfen und ins Netz gestellt; vier Schulen werden prämiert, es siegt die Ludgerusschule aus dem westfälischen Heiden, und die Seiten der Siegerschulen liegen auf Linux- oder Solaris-Rechnern statt auf Microsoft, was aus Höflichkeit keiner erwähnt.

Seltsam, ihn wirklich vor sich zu haben, diesen Mr. Gates. Er ist kein Held wie Harry Potter, ist ein Rätsel eher, wovon träumt so jemand? Was ist ihm wichtig? Ob er "noch Wünsche offen" habe, wollen sie wissen, "bei all dem Geld, das Sie verdienen?"

Immer, sagt Gates, immer schon habe er einen Traum gehabt: "den von besseren Computern". Aha. Das ist alles? Nein, sagt er, auch seine Kinder seien ihm natürlich wichtig, "es ist aufregend, wie sie größer werden und gute Dinge tun". Und was tun sie? Die Älteste ist sechs. Sie sitzt gern am Computer. Sie liebt "Barbie.com".

Dann steht Bill Gates zwischen diesen Kindern. Er lässt sich doch noch ein bisschen berühren. Es sei ihr eine Ehre, sagt eine von denen, die seine Hand tatsächlich schütteln durften. Nur ein bisschen feucht sei sie gewesen, diese Hand.

BARBARA SUPP

 

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