Ausgabe
6/2003 (S.62)


Der
Zauber des Bill Gates

Ortstermin: Der
Microsoft-Gründer
sagt Kindern in München die Zukunft voraus.
Na ja, ich wusste ja, wie er
aussieht", sagt eines der Mädchen, es ist 15 und Schülerin und
kritisch gegenüber Männern, "aber trotzdem. Es ist schon eine Ehre,
dass er kommt."
Es ist eine Ehre, die verdient
werden muss.
Taschen sind abzugeben, Kameras
auch. Wer Schüler ist, darf nicht fotografieren im Saal, und drei Plätze
am Rand müssen frei sein, heißt es anfangs, damit genug Abstand bleibt,
wenn Bill Gates die Sitzreihen passiert. Hände schütteln - also gestern
war zu hören: Das geht nicht. Auch auf der Bühne nicht, wenn er dann
dasteht, um zu gratulieren, wieso nicht? "Sicherheitsgründe", hat
man den Kindern gesagt.

Gates, Bulmahn (M.) beim Schülerwettbewerb: "Ob der Angst vor uns
hat?" Fotos: Wolfgang M. Weber
Knapp 100 Schüler auf
tomatenroten Sitzen im Münchner Arri-Kino, sie starren auf die Bühne, und
da sind die beiden nun: Edelgard Bulmahn, die Bildungsministerin, und neben
ihr Bill Gates. Der Bill Gates. Mit diesem Rundhaarschnitt. Mit dieser
Brille, die an irgendjemand erinnert, an wen? Egal. Auf Einladung von
Microsoft Deutschland sind die Schüler hier, als Preisträger eines
Microsoft-Internet-Wettbewerbs, und vor sich sehen sie einen Mann im
anthrazitfarbenen Anzug, der an den Schultern schlackert; einen Mann mit
schlechter Haltung, ein bisschen krumm im Rücken: Das ist er. Der
Microsoft-Gründer, den die einen als Monopolisten hassen und die anderen
bewundern als reichsten Mann der Welt.
"Der sieht doch nett
aus."
"Der sieht aus wie
immer."
"Ob der Angst vor uns hat?
Dass wir Terroristen sind?"
Dann spricht er, die Stimme
hoch, ein wenig gequetscht. Von jener Zeit vor 30 Jahren, als es noch keine
"Personal Computer" gab, als "Computerzeit" 40 Dollar
pro Stunde kostete, an riesigen Rechnern, die fast nichts konnten; eine
graue Zeit, eine grausame Zeit. Davon, wie aufregend es gewesen sei, das zu
ändern. Davon, dass jeder Mensch einen Computer zur Verfügung haben müsse,
von der Zukunft spricht er, was wird die bringen? Bessere Computer. Bessere
Programme. Wer wird sie verkaufen? Microsoft.
Draußen im Foyer stehen so ein
paar neue Geräte zum Ausprobieren, solche, bei denen man auf einen
Bildschirm kritzeln kann, man brauche, sagt er, "nur einen Stift".
Bei diesem Wort erscheint zum ersten Mal ein tiefes, warmes Lächeln auf dem
Gesicht des Redners. Nur einen Stift.
"The Road Ahead", der
Weg nach vorn, so hat er sein Buch genannt und auch diesen Wettbewerb, und
im Buch hat er die Welt beschrieben, wie er sie plant. Wie er sie erschaffen
hat für sich selbst, in seinem Haus, das nicht nur aus Holz, Glas und
Stein, sondern auch aus Software besteht. In dem der Besucher sich einen
elektronischen Clip anheftet, und danach passt sich das Haus seinen Wünschen
an. In jedem Zimmer wird er die Musik und die Beleuchtung und, wenn er will,
auch die Bilder an den Wänden vorfinden, die er mag.
Den "Wallet-PC" hat
er vorhergesagt, der ein "dokumentiertes Leben" ermöglicht. Weil
der Aufzeichnungen macht über "jedes Wort, das man an Sie richtet,
jedes Wort, das Sie sagen", über alles, was der Mensch erlebt. Was
doch praktisch sei, wenn man zu Unrecht eines Verbrechens verdächtigt
werde. Man habe dann immer sein Alibi parat.
Die Dinge werden lernen, das zu
tun, was man ihnen befiehlt. Folgsam wie die Besucher des Arri-Kinos
angesichts der Sicherheitsleute werden sie Vorschriften befolgen, und
derjenige, der das alles wahr machen will, steht auf der Bühne dieses Münchner
Kinos und spricht von Magie. Trägt eine Brille wie Harry Potter und redet
vom Zaubern, aber in der Welt des Bill Gates gibt es nicht guten und bösen
Zauber wie bei "Harry Potter", bei ihm ist alles nur gut. Folgen
ihm die Leute? Wollen sie das, was er unter Magie versteht?
Bildungsministerin Bulmahn
glaubt an diese Art Hexenwerk, Firmen wie Microsoft sollen mehr Geld in die
knappen Kassen für Bildung zaubern, denn ohne die Industrie, "ohne
diese Zuschüsse von Unternehmen können wir es nicht schaffen", sagt
sie.
Der Zauber für die Schüler,
das ist der, dass sie ein bisschen berühmt sind an diesem Tag. Zum Thema
"Leben und Lernen in Europa" haben sie bunte Bildungsseiten
entworfen und ins Netz gestellt; vier Schulen werden prämiert, es siegt die
Ludgerusschule aus dem westfälischen Heiden, und die Seiten der
Siegerschulen liegen auf Linux- oder Solaris-Rechnern statt auf Microsoft,
was aus Höflichkeit keiner erwähnt.
Seltsam, ihn wirklich vor sich
zu haben, diesen Mr. Gates. Er ist kein Held wie Harry Potter, ist ein Rätsel
eher, wovon träumt so jemand? Was ist ihm wichtig? Ob er "noch Wünsche
offen" habe, wollen sie wissen, "bei all dem Geld, das Sie
verdienen?"
Immer, sagt Gates, immer schon
habe er einen Traum gehabt: "den von besseren Computern". Aha. Das
ist alles? Nein, sagt er, auch seine Kinder seien ihm natürlich wichtig,
"es ist aufregend, wie sie größer werden und gute Dinge tun".
Und was tun sie? Die Älteste ist sechs. Sie sitzt gern am Computer. Sie
liebt "Barbie.com".
Dann steht Bill Gates zwischen
diesen Kindern. Er lässt sich doch noch ein bisschen berühren. Es sei ihr
eine Ehre, sagt eine von denen, die seine Hand tatsächlich schütteln
durften. Nur ein bisschen feucht sei sie gewesen, diese Hand. BARBARA SUPP