Übersicht 03/04

 
 30.12.2003
 

 
Ein Praktikant erlebt viel
Siegmund Kempmann (74)
unter der Reichstagskuppel

Heiden/Berlin (pd/hhk). Für Politik hat sich Siegmund Kempmann immer interessiert. Der 74-jährige pensionierte Konrektor der Ludgerusschule nutzte die Gunst der Stunde und machte sich als Praktikant des heimischen Bundestagsabgeordneten Hans Peter Kemper (SPD) eine Woche lang in Berlin schlau. Sein Bericht.
 
Siegmund Kempmann im Paul-Löbe-Haus. Es steht neben dem Reichstag mit den Büros für die Fraktionen.
 

Um das Schritttempo des Abgeordneten Hans-Peter Kemper mithalten zu können, muss man sich Siebenmeilenstiefel anziehen. In den Verbindungsgängen zwischen den Abgeordnetenhäusern und dem Reichstagsgebäude, in dem der Deutsche Bundestag untergebracht ist, könnte man sonst schnell verloren gehen.
Der Abgeordnete Kemper ist ein wahrer Meister der Terminerfüllung. Die beginnt so gegen 7.30 bis 8 Uhr mit der Vorlage des aktuellen Terminplans, Telefonaten und letzten Vorbereitungen für die diversen Sitzungen: Ausschuss, Arbeitsgruppe, Plenum, Verbände, Kolleginnen und Kollegen, Interessengruppen, Bürgern und - man wird es nicht glauben - auch Fußballspielen.
So zu sagen amtlich im Dienste des Bundestages und im Trikot der Nationalmannschaft. Das ist kein harmloses Spielchen, da stecken schon Leidenschaft und Einsatzfreude dahinter. Man spielt - fraktionsübergreifend - immerhin für Deutschland, zum Beispiel in Moskau, bei den Ungarn und auch - wenn es sein muss - gegen eine Auswahl aus Bayern. Das bringt einander näher. "Der Ball ist rund."
 
Hans-Peter Kemper (MdB) als Fußballer: Die
Praktika bei ihm in Berlin sind begehrt. Für das
neue Jahr 2004 hat er schon fünf bis sechs
Anfragen. Vorwiegend Studenten und Abiturienten
bewerben sich. Kemper nimmt nur Bewerber aus
dem Kreis Borken.
Fotos: privat

 
Und manchmal geschieht alles an einem Tag: Reden - Spielen - Reden, natürlich auch Denken, Nachdenken. Aber zu letzterem fehlt, Gott sei's geklagt, oft - zu oft - die Zeit.
Eigentlich doch ganz ab wechslungsreich, diese Arbeit. Sie kostet allerdings auch Nerven und Kondition. Immer freundlich und gelassen bleiben, aufmerksam zuhören können, schlagfertig sein, vieles im Kopf haben, Entscheidungen treffen, sich fit halten ... Das zeichnet den Profi aus; anders geht es nicht, will man gesund bleiben, Wahlperioden durchhalten und wieder gewählt werden.
Der Terminplan des Abgeordneten Kemper bestimmt seinen Tageslauf. Mir scheint, das geht vielen Mitgliedern des Hohen Hauses so. Der sich immer wiederholende Ablauf prägt die Mitglieder, und irgendwie bilden sie eine große "Familie", die unter der Reichstagskuppel lebt und eine eigene (geschlossene) Gesellschaft bildet. Man kennt sich über die Parteien hinweg, duzt sich, ärgert sich, auch gegenseitig, wenn die Medien dabei sind, besonders heftig. Aber wenn dann der "Pulverdampf" verflogen ist, trifft man sich im Keller der Parlamentarischen Gesellschaft auf ein Bier, einen Wein, und was die Küche noch so bietet.
Während das Volk vor dem Fernseher noch heftig bebt, haben das die Kontrahenten schon hinter sich gelassen. Man kennt sich und seine Pappenheimer und weiß ja, wie das so ist, wenn andere zugucken, die nicht zur "Familie" gehören.
Als Abgeordnetenmitläufer, auch Praktikant genannt, hat man den großen Vorteil, fast überall hinzukommen, etwas zu erleben, was Normalsterbliche nie erfahren: Da trifft man auf den Erfinder der "Riester-Rente", sitzt wenige Meter neben dem Bundeskanzler im Untersuchungsausschuss, hält mit Außenminister Joschka Fischer ein nonverbales Zwiegespräch über die Farbe beider Krawatten von der Zuschauertribüne zur Regierungsbank hin (Schade, dass ich nicht eine Tauschgeste machte. Wie hätte er reagiert?). Schon aufgefallen? Jetzt trägt er sehr oft rot. Der Abgeordnete Kemper war recht erfolgreich, wenn es darum ging, Praktikanten in interne Sitzungen zu lotsen. Da funktionieren Beziehungen und Einfluss, gute Worte und positive Ausstrahlung. Darin ist er unschlagbar. Da saßen die Praktikanten nun - mit einem Kribbeln im Bauch - ganz hinten und sahen sie da vorn agieren, die wir alle vom Fernsehen her kannten, jetzt waren man wirklich dabei. Alles Live.
Nach einer Weile wich die Ehrfurcht einem Staunen über manch Unerwartetes: Da kamen die Damen und Herren Abgeordneten durch die Tischreihen, gekonnt Kaffee und Brötchen jonglierend, hier und da ein Schwätzchen haltend, halblaut vor sich hin schimpfend über Aussagen, die ihnen nicht gefielen.
Nein, da saßen keine braven Zuhörer, diese sorgten für eine ständige Unruhe im Saal mit den beiden farbigen Gemälden an den Stirnwänden. Nur wer "dran" war, wurde aufmerksam.
Die am Rande sitzenden Beamten und Assistenten taten einem immer ein wenig leid, da sie offensichtlich wenig mit dem Geschehen zu tun hatten, sich den "Hintern plattsitzen" mussten. Über allem aber siegte schließlich die Routine vieler Sitzungen und die Autorität des Vorsitzenden, zügiger Ablauf der Tagesordnung. Tausendmal probiert...
Man erlebte den MdB Kemper als Berichterstatter in verschiedenen Gremien, Debattenredner, Fußballer aber auch als Fremdenführer. Im Reichstagsgebäude
kennt er alle Sehenswürdigkeiten aus Vergangenheit und Gegenwart und spricht darüber mit einer Schulklasse, macht daraus eine Geschichtsstunde und gleichzeitig vermittelt er eine Ahnung wie Demokratie in der Praxis, im Alltag des Bundestages funktioniert. Wenn dabei Schüler nicht gähnen, das will was heißen. Alle Achtung, das ist unterhaltsam und lehrreich, einfach gekonnt. Und wenn dann ein langer Abgeordneten- und Praktikantenarbeitstag zuende geht, dann weiß er auch noch, wo es ein gutes Bier gibt.