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Ein Praktikant
erlebt viel
Siegmund Kempmann (74)
unter der Reichstagskuppel
Heiden/Berlin (pd/hhk). Für Politik hat sich Siegmund Kempmann
immer interessiert. Der 74-jährige pensionierte Konrektor der
Ludgerusschule nutzte die Gunst der Stunde und machte sich als
Praktikant des heimischen Bundestagsabgeordneten Hans Peter Kemper (SPD)
eine Woche lang in Berlin schlau. Sein Bericht.
Siegmund Kempmann im Paul-Löbe-Haus. Es steht
neben dem Reichstag mit den Büros für die Fraktionen.
Um das Schritttempo des Abgeordneten Hans-Peter Kemper mithalten zu
können, muss man sich Siebenmeilenstiefel anziehen. In den
Verbindungsgängen zwischen den Abgeordnetenhäusern und dem
Reichstagsgebäude, in dem der Deutsche Bundestag untergebracht ist,
könnte man sonst schnell verloren gehen.
Der Abgeordnete Kemper ist ein wahrer Meister der Terminerfüllung. Die
beginnt so gegen 7.30 bis 8 Uhr mit der Vorlage des aktuellen
Terminplans, Telefonaten und letzten Vorbereitungen für die diversen
Sitzungen: Ausschuss, Arbeitsgruppe, Plenum, Verbände, Kolleginnen und
Kollegen, Interessengruppen, Bürgern und - man wird es nicht glauben -
auch Fußballspielen.
So zu sagen
amtlich im Dienste des Bundestages und im Trikot der Nationalmannschaft.
Das ist kein harmloses Spielchen, da stecken schon Leidenschaft und
Einsatzfreude dahinter. Man spielt - fraktionsübergreifend - immerhin
für Deutschland, zum Beispiel in Moskau, bei den Ungarn und auch - wenn
es sein muss - gegen eine Auswahl aus Bayern. Das bringt einander näher.
"Der Ball ist rund."
Hans-Peter Kemper (MdB) als Fußballer: Die
Praktika bei ihm in Berlin sind begehrt. Für das
neue Jahr 2004 hat er schon fünf bis sechs
Anfragen. Vorwiegend Studenten und Abiturienten
bewerben sich. Kemper nimmt nur Bewerber aus
dem Kreis Borken. Fotos:
privat
Und manchmal geschieht alles an einem Tag: Reden - Spielen - Reden,
natürlich auch Denken, Nachdenken. Aber zu letzterem fehlt, Gott sei's
geklagt, oft - zu oft - die Zeit.
Eigentlich doch ganz ab wechslungsreich, diese Arbeit. Sie kostet
allerdings auch Nerven und Kondition. Immer freundlich und gelassen
bleiben, aufmerksam zuhören können, schlagfertig sein, vieles im Kopf
haben, Entscheidungen treffen, sich fit halten ... Das zeichnet den
Profi aus; anders geht es nicht, will man gesund bleiben, Wahlperioden
durchhalten und wieder gewählt werden.
Der Terminplan des Abgeordneten Kemper bestimmt seinen Tageslauf. Mir
scheint, das geht vielen Mitgliedern des Hohen Hauses so. Der sich immer
wiederholende Ablauf prägt die Mitglieder, und irgendwie bilden sie eine
große "Familie", die unter der Reichstagskuppel lebt und eine eigene
(geschlossene) Gesellschaft bildet. Man kennt sich über die Parteien
hinweg, duzt sich, ärgert sich, auch gegenseitig, wenn die Medien dabei
sind, besonders heftig. Aber wenn dann der "Pulverdampf" verflogen ist,
trifft man sich im Keller der Parlamentarischen Gesellschaft auf ein
Bier, einen Wein, und was die Küche noch so bietet.
Während das Volk vor dem Fernseher noch heftig bebt, haben das die
Kontrahenten schon hinter sich gelassen. Man kennt sich und seine
Pappenheimer und weiß ja, wie das so ist, wenn andere zugucken, die
nicht zur "Familie" gehören.
Als Abgeordnetenmitläufer, auch Praktikant genannt, hat man den großen
Vorteil, fast überall hinzukommen, etwas zu erleben, was
Normalsterbliche nie erfahren: Da trifft man auf den Erfinder der
"Riester-Rente", sitzt wenige Meter neben dem Bundeskanzler im
Untersuchungsausschuss, hält mit Außenminister Joschka Fischer ein
nonverbales Zwiegespräch über die Farbe beider Krawatten von der
Zuschauertribüne zur Regierungsbank hin (Schade, dass ich nicht eine
Tauschgeste machte. Wie hätte er reagiert?). Schon aufgefallen? Jetzt
trägt er sehr oft rot. Der Abgeordnete Kemper war recht erfolgreich,
wenn es darum ging, Praktikanten in interne Sitzungen zu lotsen. Da
funktionieren Beziehungen und Einfluss, gute Worte und positive
Ausstrahlung. Darin ist er unschlagbar. Da saßen die Praktikanten nun -
mit einem Kribbeln im Bauch - ganz hinten und sahen sie da vorn agieren,
die wir alle vom Fernsehen her kannten, jetzt waren man wirklich dabei.
Alles Live.
Nach einer Weile wich die Ehrfurcht einem Staunen über manch
Unerwartetes: Da kamen die Damen und Herren Abgeordneten durch die
Tischreihen, gekonnt Kaffee und Brötchen jonglierend, hier und da ein
Schwätzchen haltend, halblaut vor sich hin schimpfend über Aussagen, die
ihnen nicht gefielen.
Nein, da saßen keine braven Zuhörer, diese sorgten für eine ständige
Unruhe im Saal mit den beiden farbigen Gemälden an den Stirnwänden. Nur
wer "dran" war, wurde aufmerksam.
Die am Rande sitzenden Beamten und Assistenten taten einem immer ein
wenig leid, da sie offensichtlich wenig mit dem Geschehen zu tun hatten,
sich den "Hintern plattsitzen" mussten. Über allem aber siegte
schließlich die Routine vieler Sitzungen und die Autorität des
Vorsitzenden, zügiger Ablauf der Tagesordnung. Tausendmal probiert...
Man erlebte den MdB Kemper als Berichterstatter in verschiedenen
Gremien, Debattenredner, Fußballer aber auch als Fremdenführer. Im
Reichstagsgebäude
kennt er alle Sehenswürdigkeiten aus Vergangenheit und Gegenwart und
spricht darüber mit einer Schulklasse, macht daraus eine
Geschichtsstunde und gleichzeitig vermittelt er eine Ahnung wie
Demokratie in der Praxis, im Alltag des Bundestages funktioniert. Wenn
dabei Schüler nicht gähnen, das will was heißen. Alle Achtung, das ist
unterhaltsam und lehrreich, einfach gekonnt. Und wenn dann ein langer
Abgeordneten- und Praktikantenarbeitstag zuende geht, dann weiß er auch
noch, wo es ein gutes Bier gibt.
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