Übersicht 05/06


Interview mit Pfarrer Achilles Kasagga (Makukuulu/Uganda)

Anlässlich des Pfarrfestes der Gemeinde St. Georg Heiden interviewten Kerstin Soppe, Melanie Soppe, Matthaeus Graczyk und Carsten Finke den Pfarrer der Partnergemeinde Makukuulu in Uganda Achilles Kasagga. Unterstützt wurden sie dabei von der Lehramtsstudentin Bettina Giebing, die gerade ein vierwöchiges Praktikum an der Ludgerusschule absolvierte.

 

Wie sind Sie aufgewachsen? Wie haben Sie Ihre Jugend erlebt?

Achilles Kasagga wurde 1968 geboren und besuchte in seinem Dorf von der ersten bis siebten Klasse die „primary school“ (Grundschule), anschließend die erste bis vierte Klasse der „minor seminary school“. Danach ging er drei Jahre lang auf die weiterführende „secondary school“ (Haupt- bzw. Realschule). Nach dem Studium der Philosophie begann er das Studium der Theologie. Dieses absolvierte er in Fort Portal, einer Stadt in West-Uganda in der Pfarrgemeinde Kasoze.
1998 wurde A. Kasagga zum Priester geweiht; seine erste Anstellung erhielt er in der Pfarrgemeinde Mpambiri. Nach einem weiteren Jahr wurde er als Assistent in einem Finanzamt eingestellt. Vor zwei Jahren (2003) bekam er eine neue Arbeitsstelle als Pfarrer in Makukuulu, wo er zurzeit tätig ist.

Wie ist die Situation der Kinder und Jugendlichen heute in Makukuulu? Mit welchen besonderen Umständen haben sie es zu tun?

Pfarrer A. Kasagga findet die Frage gut. Er gibt zunächst einen Überblick der Situation in Uganda. In Uganda gibt es so etwas wie einen Kindergarten nicht. Die Kinder werden in einem Alter von sechs bis sieben Jahren in die Grundschule eingeschult, wo sie eine allgemeine Grundausbildung erhalten. Bis vor sieben Jahren war es jedoch einer Vielzahl von Kindern nicht möglich eine Schule zu besuchen, da die Eltern die Ausbildung nicht bezahlen konnten. Erst mit Einführung der „universal primary education“ ist es vielen Kindern möglich zur Schule zu gehen.
Ein großes Problem ist jedoch, dass einige Kinder nicht rechtzeitig zur Schule kommen können, die morgens schon um 8.oo Uhr beginnt und den ganzen Tag dauert (day-schools“). Zum einen müssen die Kinder täglich eine Distanz von 10 bis 15 Kilometern zurücklegen und zum anderen vor der Schule allgemeine Pflichten und Arbeiten bei ihren Familien und in den Dörfern erledigen. Das sind z.B. Wasser und Feuerholz holen, Feld- und Anbauarbeiten oder das Waschen von Kleidung („domestic work“).
Aus diesen Gründen kommen sie erst sehr spät zum Unterricht. In Uganda werden Kinder jedoch bestraft (das heißt Prügel, Strafarbeiten), wenn sie zu spät zur Schule kommen.
Die Kinder, die generell einige Stunden verpassen, haben daher oft Angst, überhaupt noch zur Schule zu kommen. Aus Angst vor Bestrafungen in der Schule oder harter Arbeit auf den Feldern verstecken sich viele Kinder auf dem Weg zwischen Schule und Haus in den Büschen und Wäldern.
In Uganda gibt es keine befestigten Straßen wie hier in Deutschland, sondern höchstens einige wenige Sandwege, so dass sich die Kinder bei jedem Wetter durch die „Wildnis“ schlagen müssen. Zudem hat keines der Kinder Schuhe.
Ein weiteres Problem ist, dass es nicht genug Schulgebäude gibt, so dass die Schulstunden unter Bäumen oder auf Plätzen stattfinden. Wenn es regnet, fällt somit der Unterricht aus. Ein Lehrer unterrichtet durchschnittlich 80-90 Schüler, die zu verschiedenen Jahrgängen gehören aber zusammen in einem Klassenzimmer untergebracht sind. Da das sehr schwierig ist, gibt es in der 5. Klasse der Grundschule immer noch Kinder, die Analphabeten sind. Pfarrer A. Kasagga war daher überrascht, als er hier in Heiden Kinder traf, die schon im Kindergarten einige Wörter lesen können.
Aus den beschriebenen Gründen ist es ihm sehr wichtig, dass alles daran gesetzt wird, dass Kinder zur Schule kommen können und dass sich die Schulsituation ändert, damit alle Kinder die Chance zur Bildung haben.
In Uganda hat es in den letzten Jahren viele Dürrezeiten und Hungersnöte gegeben. Die Kinder bekommen daher nur einmal am Tag zu essen, jedoch nichts besonders Nahrhaftes, sondern nur z.B. eine kleine Schüssel Haferbrei. Die Schulkinder starten somit ohne Frühstück in den Tag, arbeiten zuerst zu Hause, laufen anschließend viele Kilometer zur Schule und haben dann in der Grundschule von 8.00 bis 13.00 Uhr, bzw. in den weiterführenden Schule von 8.00 bis 16.00 Uhr Unterricht, bevor sie überhaupt etwas zu sich genommen haben. Daher kommt es oft vor, das die Kinder in der Schule schläfrig, müde, unkonzentriert und mit ihren Gedanken weit von der Schule entfernt sind.

Welche Dinge sind bei Kindern und Jugendlichen in Makukuulu „in“? Womit beschäftigen sie sich?

Kinder oder Jugendliche im Alter von 14 bis 16 Jahren spielen oft verschiedene heimische Spiele nach der Schule. In den Pausen, während der Schulzeit, wird viel Fußball gespielt. Leider gibt es an jeder Schule höchstens einen Ball. Auf dem Lehrplan stehen außerdem Garten-, Hand- oder Feldarbeiten, was die Schüler gerne erledigen.

Welche Lebensträume/Zukunftsvorstellungen sind typisch für Mädchen und Jungen in Makukuulu? Gibt es Unterschiede?

Natürlich träumen die Kinder und Jugendlichen davon, eines Tages reich zu sein, eine schöne Arbeit zu bekommen und in den reichen Vierteln einer Stadt zu wohnen. Wenn sie eine Stadt besuchen, träumen einige davon, einmal in den großen Häusern zu wohnen. Das ist jedoch unmöglich ohne Schulbildung, so dass wir in Makukuulu den Schwerpunkt unserer Arbeit im Bereich Schule sehen. Wir sind den vielen Menschen in Heiden sehr dankbar, die uns dabei finanziell unterstützen, denn durch sie wird vielen Kindern dieser Traum von einer guten Schulbildung ermöglicht. Jedoch muss man sagen: „Rom wurde nicht an einem Tag gebaut“, sondern in vielen kleinen Schritten, sodass wir Tag für Tag versuchen, die Situation der Kinder zu verbessern, wie zum Beispiel mit der Hilfe der Heidener.

Wie groß ist der Anteil der Kinder und Jugendlichen in Makukuulu, die die Möglichkeit haben eine Schule zu besuchen?

Auf die Allgemeinen Grundschulen gehen 80-85% aller Kinder, jedoch gehen anschließend nur sehr wenige zu den weiterführenden Schulen, da diese zu teuer sind oder die Kinder nicht zu den Schulen kommen können. Unsere Brüder und Schwestern hier in Heiden haben sehr viel Glück, sie können zur Schule gehen.
Den Kinder, die nicht die Möglichkeit haben, zur „secondary school“ zu gehen, bieten wir an, auf so genannte „Learning by doing“-Schulen zu gehen - das sind 74% der Kinder. Mädchen lernen dort z.B. Kleidung herzustellen, zu Kochen oder in den Lebensmittelhanndel zu kommen. Jungen lernen Zimmerer- und Tischlerarbeiten, Maurerarbeiten oder landwirtschaftliche Tätigkeiten. Sie verkaufen Früchte, bauen sie an und kümmern sich um die Viehherden.
Die Idee dieser Basisschulen ist es, den Jugendlichen in Zukunft die Möglichkeit zu geben, einen Arbeitsplatz zu bekommen oder sich selbstständig zu machen.
Auf die „secondary school“ gehen nur 45% aller Jugendlichen; der Rest hat keine Möglichkeit diese zu besuchen.

Welche Schwerpunkte setzen Sie bei der Arbeit mit Jugendlichen?

Unsere Schwerpunkte bei der Arbeit mit Jugendlichen in Makukuulu legen wir ganz deutlich darauf, dass wir so vielen Kindern wie möglich den Schulbesuch bieten können. Außerdem versuchen wir vor allem Mädchen in die Schulen zu bekommen; traditionell werden Mädchen bei uns im heiratsfähigen Alter verheiratet. Wir wollen den Eltern erklären, wie wichtig der Schulbesuch ist und bitten sie, ihre Töchter in den Unterricht zu schicken. Wir sagen immer wieder: „Schickt eure Kinder zur Schule.“
Jeden Sonntag nach der Messe fragen wir in unserer Gemeinde nach, wer in der vergangenen Woche nicht in der Schule war und warum nicht. Wir zählen dann immer durch, um zu sehen, was sich verändert oder wo Probleme sind.

Was möchten Sie Heidener Jugendlichen mit auf den Weg geben?

Ich möchte den Heidener Jugendlichen sagen, dass sie ihre Möglichkeiten nutzen sollen. Es gibt hier in Deutschland so viele Gelegenheiten etwas zu tun, so viele verschiedene Ausbildungswege, dass man sich bewusst werden muss, wie gut es einem doch geht.
Ich war total überrascht, als ich hier ein sechsjähriges Kind sah, das mühelos einen Computer bedienen konnte. Bei uns gibt es viele Menschen, die noch nie einen Computer gesehen haben. Nur sehr wenige Erwachsene wissen selbst, wie man ihn bedient oder was er für die Kommunikation bedeutet.
Hier in Europa gibt es so viele visuelle Medien und Geräte – die Menschen wissen ja gar nicht, welche „Schätze“ sie haben. Meistens begreift man erst, wie glücklich man ist, wenn man einen „Schatz“ oder irgend etwas verliert.
Ich wünsche und bete für die Heidener Jugendlichen, dass sie ihre Chancen und Möglichkeiten nutzen, sinnvoll nutzen.
In Uganda gibt es viele Kriege, Auseinandersetzungen, Krankheiten und viele Waisen, die aus diesen Gründen ihre Eltern verloren haben. Deshalb bitte ich euch, eure Bildungschancen zu nutzen, uns aber weiter zu helfen, damit wir den Kindern helfen können, damit die Idee der Brüderlichkeit („fraternity“) Wirklichkeit werden kann.
Der Tanz der Heidener Kinder heute Nachmittag beim Pfarrfest hat mir sehr gefallen. Ich mag die Idee einer vereinigten Welt – deshalb müssen wir besonders auf die Kinder dieser Welt bauen und Acht geben.

Wir bedanken uns für dieses Interview.

Kerstin Soppe, Melanie Soppe, Matthaeus Graczyk, Carsten Finke und Bettina Giebing
 



zum Anfang der Seite