"Die Lehrer reißen sich ein Bein aus"

VBE: Kritik an fehlenden Stellen
 


Hauptschüler leiden unter der Unterversorgung mit
Lehrern im Kreis. Laut Lehrerverband VBE fehlen allein
an dieser Schulform im Kreis 100 Pädagogen.
(Foto: Archiv der BZ)

-job- Kreis Borken. "Die Lehrer reißen sich ein Bein aus", sagt Schulrätin Barbara Becker, beim Schulamt für den Kreis Borken für die 27 Hauptschulen im Kreisgebiet zuständig. Und auch ihre Kollegin Ulrike Schwarz, die die Aufsicht über die gut 70 Grundschulen im Kreisgebiet führt, bilanziert: "Wir geraten an unsere Grenzen." Ihr Tenor: Zurzeit müssen die Lehrer an diesen beiden Schulformen viele Überstunden leisten, weil der Kreis bei beiden Schulformen zwar rechnerisch im Soll ist die Realität aber anders aussieht.

Die Realität an den Hauptschulen beziffert der Verband Bildung und Erziehung folgendermaßen: Nach Angaben ihres Kreisvorsitzenden Hubert Eßeling fehlen an den Hauptschulen 15 langzeiterkrankte Lehrer. Darüber hinaus würden im Laufe dieses Schuljahres durch Pensionierungen weitere 32 Stellen nicht besetzt sein Neueinstellungen seien derzeit nicht vorgesehen. Dem Schulamt Borken stünden insgesamt 566 Lehrerstellen zur Verfügung. Gehe man jedoch von den tatsächlich erteilten Unterrichtsstunden aus, dann stünden der Schulrätin netto nur 465 Stellen zur Verfügung 100 Stellen zu wenig, um einen ordnungsgemäßzu unterrichten. Im Durchschnitt, so Eßeling, "fehlen an jeder Schule drei bis vier Lehrerstellen." Dabei, so Eßeling, gehe die Bezirksregierung davon aus, dass die Hauptschulen im Kreis rein rechnerisch sogar zwölf Stellen zu viel hätten...

Wie die Diskrepanz zwischen Berechnung und Realität zu Stande kommt? Das erklärt Barbara Becker so: Lehrer, die besondere Aufgaben übernehmen, Schulleiter oder Personalrat sind oder ein bestimmtes Alter (teilweise ab 55 Jahre) erreicht haben, bekommen eine Stundenermäßigung, werden aber weiter als volle Stelle angerechnet. "An der Vredener Walbertschule liegt der Altersdurchschnitt der Lehrer bei 59 Jahren", nennt Becker ein Beispiel.

Die Folge: Die so fehlenden Stunden müssen aufgefangen werden. Das habe das Land zwar teilweise eingerechnet, aber eben nur teilweise. "Es trägt sich nicht komplett", so Becker. Man sei theoretisch zwar "komplett besetzt", gleichwohl müssten Lehrer an Hauptschulen eine "beträchtliche Zahl" von Überstunden schieben, um die Schüler vernünftig zu unterrichten. Ein weiteres Problem: Die Hauptschule hätten keinen sogenannten Vertretungspool aus Pädagogen, die kurzfristig einspringen können, wenn es personell mal hakt.

Auch Ulrike Schwarz hat im Grundschulbereich rein rechnerisch eine Versorgung mit Lehrern von 101 Prozent. 811 volle Stellen seien es. Das Problem an den Grundschulen: Dort gibt es zwar einen 23 Stellen umfassenden Vertretungspool, aber: "Ich muss täglich Schulen, die deswegen anfragen, absagen, weil der Pool leer ist"../../p>

Denn eigentlich soll der Pool kurzfristige Erkrankungen kompensieren, stopft derzeit aber auch viele "Löcher", die durch Langzeiterkrankungen, Mutterschutz oder Erziehungszeiten von Pädagogen gerissen worden sind. Zusätzliche Vertretungslehrer gibts nicht. "Der Markt ist leer", bilanziert Ulrike Schwarz. Ein Trend sei, dass junge Lehrer gleich in andere Bundesländer gingen, zudem "fischten" Kreise von außerhalb des Regierungsbezirks Münster den Nachwuchs ab. Man suche nach Lösungen, sagt Schwarz. Sie sagt aber auch: "Wir geraten an unsere Grenzen." "Ein wenig besser" könnte es werden, wenn zum 1. Februar 2009 die nächste Generation von Lehramtsanwärtern fertig sei.

Für Hubert Eßeling stellt sich vor diesem Hintergrund die Frage, "wie die Landesregierung von einer Stärkung der Hauptschulen sprechen kann". Der VBE fordere mit Nachdruck, dass endlich dafür gesorgt werde, dass die Grundlagen für die Berechnung der Lehrerstellen an die Wirklichkeit angepasst würden, so Eßeling. "Es darf nicht sein, dass die Schülerinnen und Schüler an den Hauptschulen im Kreis Borken wie wahrscheinlich auch in anderen Kreisen gekürzten Unterricht hinnehmen müssen, weil die Statistik die real zur Verfügung stehenden Unterrichtsstunden nicht erfasst", fordert er.

Passend zum Thema ließ NRW-Schulministerin Barbara Sommer (CDU) gestern verlauten: "Jeder Lehrer muss im nächsten Schuljahr im Durchschnitt 1,5 Schüler weniger unterrichten als unter der alten Landesregierung. Damit bleibt mehr Zeit für jeden einzelnen Schüler." Bildung, so die Ministerin, "hat für die Landesregierung oberste Priorität."

Quelle: Borkener Zeitung 03.12.2008
 


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