Der Hauslehrer

Die Tutorin oder der Tutor

Wiederholung auch:: Herr Hagner: Der Tutor Der ETH-Lehrstuhlinhaber Michael Hagner, der lehrreiche Werke zwischen Naturwissenschaftsgeschichte, Geschichtsepistemologie und Naturwissenschaft verfasst hat, hat in seiner neuesten Arbeit ein Gewaltverbrechen berücksichtigt, das zu Anfang des zwanzigsten Jahrtausends große Wellen geschlagen und nicht nur die Bevölkerung begeistert, sondern auch große Aufmerksamkeit in der Naturwissenschaft gefunden hat. Während der Forschung zur Elite-Hirnforschung begegnete er nach einer "intuitiven Neugierde" (S. 251) einer Reihe von Zeitschriftenartikeln mit der Inschrift "Fall Dippold". Ihre Lesart war der Anlass für ein Forschungsprojekt, das endlich die Form einer eleganten schriftlichen Untersuchung angenommen hat und sich selbstbewusst der fachlichen Klassifizierung entzieht. der Fachklasse.

Die Hagner erzählt die Entstehungsgeschichte des Jura-Studenten Andreas Dippold, der 1901 an die Berliner FWU wechselte und zur Fortsetzung seines Studiums eine Tutorenstelle antrat.

Weit weg von der Metropole widmete sich Dippold der Bildungsarbeit: Er beaufsichtigte die beiden Töchter und unterzog sie einem strikten Kontrolle. Immer wieder betrügt er die Gäste, die aufgefordert werden, Anschuldigungen zu untersuchen, dass der Tutor die ihm anvertrauten Schützlinge übermäßig stark verprügelt hat. Hagner widmet der Beschreibung dieser katastrophalen Ereigniskette das erste Kapital mit dem Namen "A boy dies" (S. 7-67).

Genauso sachkundig wie Hagner über die Wiederherstellung des Geschehens berichtet, so original ist seine Bewertung des Werkstoffs. Hagners Arbeitszimmer ist auf verschiedene Arten gestaltet und offenbart so immer neue Ausmaße des Ereignisses um den schlagenden Tutor, der rasch in das Kreuz der Bereiche Wirtschaft, Recht, Medizin und Sexualwissenschaften, Erziehung und Massenmedien fiel und nur wenige Wochen nach seinem Tod in einem sensationellen Verfahren zu acht Jahren Gefängnis verurteilt wurde.

Hagner geht in den nachfolgenden Abschnitten auf die einzelnen Aspekte dieses Falls ein: In "Ermittlungszeit" (S. 68-128) stellt er die Überschneidung von juristischen, medizinischen und pädagogischen Diskursen um die Jahrtausendwende nach, und im Abschnitt "Der Prozess von Bayreuth" (S. 129-150) deutet er das Gerichtsverfahren als ein gesellschaftliches Geschehen, das Einsicht in das Spannungsverhältnis zwischen Jurisprudenz und Medizine gewährt.

"The Scandal and the Media" (S. 150-172) spürt die Spannungskurven der gesellschaftlichen Debatte auf und zeigt die Dynamiken des Aufbaus, während das Kapital "Über die Vor- und Nachteile der Geisteswissenschaften" (S. 173-238) die verschiedenen Vorstellungen des Hauptakteurs in der Öffis - tlichkeit, dem Justizsystem und den involvierten Wissenschaftsdisziplinen - aufzeigt.

Den Abschluss bildet ein "Nachwort" (S. 239-250), in dem er nicht nur den Spurungen von Dippold nach seiner Kündigung nachgeht, sondern auch denen der jüngsten der ihm vertrauten Gebrüder. Die Besonderheit der Ermittlungen besteht sicherlich darin, dass sie weder das angestrebte detaillierte, faktenreiche Aufspüren dieses großartigen "Kriminalfalls" allein noch eine normgerechte geschwängerte Wiederherstellung der Geschehnisse verfolgen, die die Einzelfälle von "Sündenfällen" minutiös erfasst.

1 ] So versteht sie den Strafprozess als ein diskursorientiertes Geschehen, das den Zugriff auf die komplizierte Verflechtung von Herrschaftsverhältnissen und Wissensbeständen, von subjektivierenden Praktiken und Geschlechterverhältnissen ermöglicht, die die Jahrtausendwende kennzeichnen. Daraus ergibt sich, dass die Einzelbefunde immer wieder über den Behandlungsfall hinausreichen. Betrachtet man den "Hauslehrer" als naturwissenschaftliches Studium, werden die Konflikte zwischen Nachbardisziplinen sichtbar:

Die beschuldigte Tutorin wird zum Zeichen von konkurrierenden Diskursen. Gleichzeitig leistet Hagners Arbeit einen wichtigen Beitrag zur Mediengeschichte: " (S. 156f.) Darüber hinaus werden Erzähl- und Adressierungsfragen thematisiert: Indem sie die diskursartigen Veränderungen verfolgt, in denen Dippold von einem unmoralischen "Monster" über einen "perversen Erwachsenen" bis hin zu einem pathologischen "Sadisten" mutant.

Die im Buch geforderten dispositiven Verbrechen, Irrsinn und Geschlechtlichkeit beziehen sich nun nicht zuletzt auf die Autorin, mit der die Künstlerin einen kontinuierlichen Dialog zwischen den Linien unterhält. Obwohl seine Arbeit an der Pflanze und ihrer systematischen Umsetzung Michel Foucaults viel zu verdanken hat, hebt er sich an einigen Orten dennoch bewusst von ihm ab.

Er weist damit darauf hin, dass "Experten" sich auch selbst stärken können und ihren Beitrag nicht immer einer Einrichtung schulden (siehe S. 83), und stellt die Problematik der Repression zwischen verschiedenen Sexualdispositiven (siehe S. 101). Die Herausbildung des dispositiv " Pädagogen-Sadismus ", der als " gravitatives Zentrum " von pädagogischen, medizinischen, rechtlichen und moralischen Fragestellungen betrachtet wird, zeigt also, dass man hier kaum von einer " Multiplikation von Diskursen " sprechen kann, wie Foucault angenommen hatte; vielmehr besteht die " Lehre aus dem Falle Dippold " (S. 233) in der Feststellung, dass es sich bei dem Bauwerk nicht mehr um eine "inerte" Entität handelt, sondern um einen Akteurstatus, um eine als prägende und prägende Triebkraft zu betrachtende, um eine bildnerische.

Eine Schwachstelle der beeindruckenden Untersuchung Wagners ist natürlich, dass die damit verbundenen Fragen selten systemisch erörtert werden. Genauso fließend wie das Werk verfasst und so geschickt wie das Material vorbereitet wird, ist zu beachten, dass wesentliche Streitigkeiten nur en passant ausgetragen werden. Möglicherweise liegt dies an dem breiteren Adressatenkreis: "Der Hauslehrer" ist ein brillant verfasster, sprudelnder Aufsatz über die Wissenschaftsgeschichte, der es bedauerlicherweise weitestgehend unterlässt, historiographische Fragen zu diskutieren.

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