Historienmalerei

Geschichtsbild

Im Geschichtsbild verdichten sich historische, religiöse, legendäre oder literarische Materialien zu einem ahistorischen Moment. Jh. die große Zeit der Historienmalerei.

Geschichtsmalerei des neunzehnten Jahrhunderts: Zeithelden - Kulturgeschichte

Auffallend ist die Nebeneinanderstellung von zwei Bildern, mit denen das Werk seinen Anfang nimmt. Die älteste Aufnahme ist von Jacques Louis David aus dem Jahr 1801, die jüngste von Paul Delaroche aus dem Jahr 1848. Das gleiche Geschehen, aber im Abstand von einem halben Jahrtausend zwei verschiedene, sogar widersprüchliche Deutungen. Historienmalerei - im Gegensatz zur Repräsentation biblischer Historien als Repräsentation realer historischer Geschehnisse begriffen - will nicht nur "zeigen, wie es tatsächlich war", um das bekannte Wörtchen Leopold Ranklisten über die Aufgabenstellung des Geschichtsschreibers zu zitieren. der Geschichtsschreiberin.

Der Höhepunkt der Historienmalerei ist das neunzehnte Jh. und darin vor allem die Zeitspanne zwischen 1830 - nach dem Wegfall der Verzerrungen durch die Napoleonkriege in ganz Europa - und 1900, als das neue Jahrtausend anfing, sich von der Bindung an die Geschichte zu lösen.

Der in Berlin lebende Kulturhistoriker Matthias Eberle, langjähriger Professorexperte an der Hochschule für Kunst Weißensee und Kenner des Oeuvres von Max Liebermann, hat dieser Zeit ein ausführliches Werk gewidmet: "Im Spiegelbild der Zeit. Realistisches Historienbild in Westeuropa 1830 -1900". Die weltberühmte Historienmalerei existierte schon seit Jahrtausenden. Doch erst im neunzehnten Jh., das zu Anfang den Sturz aller politischer Bedingungen erfahren hatte, wurden geschichtliche Geschehnisse als Tatsachen verstanden, die in allen Bereichen beleuchtet werden sollten.

Er verweist auf den geschichtsträchtigen Romans und seinen großen Baumeister Walter Scott, der es vermochte, das mittelalterliche Leben einer zeitgenössischen Lesergruppe zu veranschaulichen. Es wurden überall geschichtsträchtige Bücher verfasst, von Victor Hugo bis James Fenimore Cooper. Erster weltweit bedeutender Geschichtsmaler war Paul Delaroche, der mit seinen Motiven der englischsprachigen Geschichtsschreibung in England erfolgreich war.

Eberles fast 500 großformatiges Werk umfasst vor allem Frankreich, aber auch Deutschland und Großbritannien. Neben der kunstgeschichtlichen Klassifizierung in staatliche "Schulen" ergänzt er die Repräsentation der grenzüberschreitenden Verhältnisse, vor allem zwischen Frankreich und England. Mit 220 farbigen Illustrationen ist das Werk ein Sammelwerk der Historienmalerei, das seit dem Ausstellungskatalog der 1987 in Köln stattfindenden Schau "Triumph und Elend des Helden" nicht mehr zu haben ist.

Die Kunsthistorikerin der alten Tradition hat sich als Kunsthistorikerin erwiesen. Bei aller Detailfülle verliert man manchmal den Überblick, dass die Entfaltung des historischen Bildes mit dem Triumph des nationalistischen Denkens verbunden ist. Mehr als einmal werden die Begrenzungen der historischen Malerei thematisiert; die in der Römerzeit entstandenen Bilder von Lawrence Alma-Tadema, "Die Skulpturengalerie" und "Die Bildergalerie" entziffert er als ironischen Kommentar zur Kunstwelt.

Die aktuellen Geschehnisse prägten die Historienmalerei kontinuierlich, insbesondere die in mehreren europäischen Staaten entbrannte 1848er Revolution: Statt früherer Handlungen gab es eine Beschreibung der aktuellen Geschehnisse, wie im Falle von Adam Menzel, der die Anordnung der Betroffenen malt. Die Abbildung der englischen Historienmalerei entfällt aus der gewohnten kunstgeschichtlichen Reihenfolge mit der Vorherrschaft der franz. Malkunst.

Selbst wenn das Bild kein greifbares Geschehen, sondern einen Staat darstellt, wie es später Manzels grandiose Industriemalerei "Eisenwalzwerk" von 1875 tat, bietet der Deutsch-Französische Weltkrieg von 1870/71 wieder eine Vielzahl von Motiven für die Historienmalerei. Gleichzeitig spielen aber auch kirchengeschichtliche Fragen eine wichtige Rolle: Frankreich war jahrzehntelang damit befasst, den Druck der Katholiken zurückzuwerfen.

Matthias Eberle präsentiert mit Jean-Paul Laurens einen der heute weitestgehend in Vergessenheit geratenen Künstler, der zu seiner Zeit einflussreich war und großen Anklang fand; Laurens wurde bald als "der größte Repräsentant der Historienmalerei in Frankreich" angesehen. In den seltensten Fällen erreichte die deutschsprachige Historienmalerei das Level des deutschen Modells, nicht zuletzt wegen des Fehlens von entsprechenden Aufträgen.

Ausgenommen ist Anton von Werner, der heute als "Uniform-Knopfmaler" verachtet wird und mit der "Proklamation des Kaiserreiches am 19. Jänner 1871" unter anderem in drei Fassungen ein zeitgeschichtliches Bild par Excellence schuf. Die Historienmalerei hat mit dem Einzug der Photographie und dann des Filmes ihren Status und ihr gesellschaftliches Gewicht verloren.

Bereits Édouard Manet hatte bei der "Hinrichtung von Kaisers Maximilian" von 1869 die geschichtliche Richtigkeit ignoriert, andererseits hatte er zum Teil nach photographischen Modellen vorgearbeitet. Nach dem Triumph des Kinos - und mit dieser Pointe endet Eberles Monumentalbuch - diente die Historie manchmal als Vorbild für Filmbilder. Matthias Eberles Werk vermittelt dem jetzigen Lesenden einen spannenden und begründeten Einblick in eine Art, die seit über einem Jahrzehnt zu Recht gezwungen war, ein schattiges Leben zu fristen.

Mathias Eberle: Im Widerspiegelung der Zeit. Realitätsnahe Historienmalerei in Westeuropa 1830 - 1900. 16. Mai 2017 in München, 495 S., 242 Abbildungen, 69 ?.

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